Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm

Archiv

 

EIN BISSCHEN RUHE VOR DEM STURM (Theresia Walser)
Schauspielhaus Düsseldorf, Premiere 25. Oktober 2015


»Ich sage immer, dieser Beruf ist gar kein Beruf, dieser Beruf ist vielmehr eine Mangelerscheinung, als dass das ein Beruf ist. Schauspieler sein, das heißt: Erlebnisarmut, Geschichten­mangel, Erzählerschwäche. Der Schauspieler, sag ich immer, bleibt sich selbst gegenüber ein Leben lang ein Ausdruckslegastheniker.«

Drei Schauspieler warten auf ihren Auftritt in einer Talkshow. Zwei von ihnen, Franz Prächtel und Peter Söst, haben im Film schon einmal Hitler gespielt, der dritte, Ulli Lerch, leider ›nur‹ Goebbels. Jeder glaubt von sich, die strahlkräftigste und überzeugendste Art der Darstellung gefunden zu haben. Und so bricht eine turbulente Grundsatzdebatte zwischen Regie­ und Schauspielertheater aus, die sich in ab­surde Höhen schraubt.
Der selbstzufriedene Großschauspieler Prächtel hat sich für das Rollenstudium sogar unter Parkinson­kranke gemischt. Aber ist es erlaubt, Hitler besonders ›menschlich‹ zu zeigen – Kindern über den Kopf streichelnd, Kuchen essend im Führerbunker? Muss der Schauspieler nicht vielmehr, wie es Peter Söst für sich in Anspruch nimmt, »bei jedem Bissen die Ver­nichtung mitspielen«?
Auf dem Gipfel der Auseinandersetzung gerät nicht nur der Tisch, sondern auch die historische Wahrheit ins Wanken: Litt Hitler überhaupt an Parkinson? Wurde er in seinen letzten Wochen im Bunker durch ein Double ersetzt, während der echte Hitler auf dem Obersalzberg Schach spielte?

Theresia Walser debütierte mit den 1997 urauf­geführten Stücken Das Restpaar und Kleine Zweifel als Dramatikerin. Die Kritiker wählten sie bereits ein Jahr später zur besten Nachwuchsautorin und 1999 zur besten deutschsprachigen Autorin.

PRESSESTIMMEN
Nach von Schirachs TERROR nun der zweite Knüller […] Letzteres wünscht man auch der pointierten Inszenierung von Marcus Lobbes und Ausstatterin Pia Maria Mackert, die nach der Premiere mit Jubel belohnt wurden – ebenso wie die Darsteller Jonas Grüber (Hitler 1), Heisam Abbas (Hitler 2) und Andreas Helgi-Schmid, der bisher nur als Goebbels im Film auftreten durfte. Es sind Schauspieler, die auf wankendem Bühnendeck zwischen blechern rollenden Dosen immer sicherer und in 70 Minuten immer schlagfertiger werden. Sie halten stets die Balance zwischen Komödie und Tragödie und servieren dem Zuschauer beides: Mordsgaudi und nachdenkliches Unbehagen […] Fazit: Ein überwiegend amüsanter Kabarett-Theater-Abend mit reichlich doppelbödigem Humor.
Westdeutsche Zeitung
BESETZUNG UND TEAM
H1 – JONAS GRUBER
H2 – HEISAM ABBAS
G – ANDREAS HELGI SCHMID
Regie – MARCUS LOBBES
Bühne und Kostüme – PIA MARIA MACKERT
Dramaturgie – BARBARA NOTH